Präsentismus

Präsentismus gefährdet durch Arbeiten trotz Krankheit die Gesundheit der Belegschaft und verursacht Unternehmen hohe Produktivitätsverluste. Eine wertschätzende Kultur sowie gezielte Gesundheits-Benefits sind entscheidend, um dieses Verhalten nachhaltig zu reduzieren.
Ein Mann der seinen Kopf auf einem Schreibtisch stützt

Präsentismus: Das Wichtigste in Kürze


  • Definition: Präsentismus bezeichnet das Phänomen, dass Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit erscheinen.

  • Verbreitung: Laut BAuA-Erhebung arbeiteten 54 % der Beschäftigten mindestens einen Tag trotz Krankheit.

  • Kosten: Präsentismus verursacht für Unternehmen im Schnitt fast doppelt so hohe Kosten wie Absentismus.

 

Was ist Präsentismus?

Präsentismus (englisch: sickness presenteeism) beschreibt das Verhalten von Beschäftigten, trotz Krankheit oder gesundheitlicher Beeinträchtigung ihrer Arbeit nachzugehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob das im Büro oder vom Homeoffice aus geschieht – entscheidend ist, dass eine Erkrankung vorliegt, die eigentlich eine Pause erfordern würde.

Der Begriff geht auf den US-amerikanischen Arbeitswissenschaftler Auren Uris zurück, der ihn ursprünglich als Gegenteil zum Absentismus prägte. Dieser liegt vor, wenn Mitarbeiter sich krankmelden, obwohl sie arbeitsfähig wären.

 

Was ist Tele-Präsentismus?

Tele-Präsentismus – auch Workahomeism genannt – ist eine Art virtueller Präsentismus und eine besondere Ausprägung dessen. Gemeint ist das Weiterarbeiten im Homeoffice trotz Krankheit. Was auf den ersten Blick wie ein praktikabler Kompromiss wirkt, entpuppt sich in der Praxis jedoch als Risiko: Weil die Hemmschwelle niedrig ist, krank „einfach von zuhause weiterzuarbeiten“, werden Symptome häufig verdrängt oder unterschätzt, die Genesung verzögert sich und für Führungskräfte bleibt das Verhalten oft nahezu unsichtbar.

 

Präsentismus in Zahlen – aktuelle Studien und Statistiken

Die Datenlage zeigt, dass Präsentismus ein eindeutiges Problem darstellt: 

 

 

  • Altersunterschied: Der DAK-Gesundheitsreport 2025 „Generation Z in der Arbeitswelt“ fand heraus, dass ca. 65 % der unter 30-Jährigen in den letzten 12 Monaten krank gearbeitet haben. Bei den Beschäftigten ab 50 Jahren waren es nur noch 18 %.

 

  • Geschlechterunterschied: Frauen neigen häufiger zu Präsentismus als Männer, so die TK-Studienlage. Während 46,6 % der Männer selten oder nie trotz Krankheit arbeiten, trifft das auf Frauen nur zu 35,9 % zu.

  • Medikamenteneinnahme: Laut der TK-Studie nehmen 28,4 % der Befragten häufig oder sehr häufig Medikamente ein, um trotz akuter Beschwerden arbeiten zu können.

  • Pflegebereich: Gemäß Fehlzeiten-Report 2021 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) gingen 36 % der Führungskräfte in der Pflege in einem Kalenderjahr krank zur Arbeit – ein branchenspezifisch besonders hoher Wert.

 

  • Corona-Effekt: Während der Pandemie gingen die Präsentismuszahlen zurück – das gestiegene Bewusstsein für Ansteckungsgefahren und die verbreitete Kurzarbeit dämpften das Phänomen. Seit 2024 bewegen sich die Werte wieder auf Vorkrisenniveau – Tendenz steigend (DGB-Index).

 

Was sind die Gründe für Präsentismus?

Die Faktoren, die Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit bewegen, sind vielfältig. Sie lassen sich auf individueller und arbeitsbezogener Ebene verorten. 

 

Individuelle Gründe

 

  • Hohes Pflichtbewusstsein: Wer sich stark mit seiner Aufgabe identifiziert, geht auch krank zur Arbeit – aus dem Gefühl heraus, nicht fehlen zu dürfen.

  • Emotionale Bindung ans Unternehmen: Starke Loyalität und Zugehörigkeit können Beschäftigte dazu verleiten, Krankheiten zu ignorieren.

  • Angst vor Arbeitsplatzverlust: Wer seinen Job als unsicher empfindet, meidet Krankmeldungen, selbst bei schweren Symptomen.

  • Falsche Motivation bei Neueinsteigern: Vor allem Berufseinsteiger möchten sich beweisen und scheuen den Eindruck, gleich zu Beginn auszufallen.

  • Geldsorgen: Bei leistungsabhängiger Vergütung oder variablen Gehaltsanteilen können finanzielle Einbußen durch Krankheitszeiten ein zusätzlicher Treiber sein.

 

Arbeitsbezogene Faktoren

 

  • Hoher Arbeitsanfall und Termindruck: Laut BAuA zeigen Beschäftigte, die häufig unter Termin- oder Leistungsdruck arbeiten, im Schnitt mehr Präsentismustage.

  • Personalmangel und fehlende Vertretung: Wenn klar ist, dass niemand einspringen kann, bleibt man trotz Krankheit, ansonsten bleibt die Arbeit auf der Strecke.

  • Hohe Arbeitsverdichtung: Betriebsbedingt häufig wechselnde Arbeitszeiten korrelieren mit fast doppelt so vielen Präsentismustagen, so die Ergebnisse von DGB-Index.



Was sind die Folgen von Präsentismus?

Präsentismus hat einmal gesundheitliche Folgen für die Beschäftigten sowie wirtschaftliche Folgen für das Unternehmen.

 

Gesundheitliche Folgen für Beschäftigte

Präsentismus gefährdet langfristig die Gesundheit der Betroffenen:

  • Verzögerte Genesung: Wer sich nicht auskuriert, bleibt länger krank und riskiert, dass die Krankheit chronisch bleibt.

  • Chronische Erschöpfung: Eine Studie im Journal of Occupational Health Psychology (Dietz et al., 2025) zeigt: Wer trotz Krankheit arbeitet, erlebt unmittelbar mehr Erschöpfung (Fatigue). Wenn sich Präsentismus häuft, steigt die Müdigkeit über mehrere Wochen hinweg an.

  • Psychische Erkrankungen und Burnout-Risiko: Erschöpfung, die nicht abgebaut wird, kann sich zu Burnout oder Depressionen entwickeln.

  • Spirale aus Überforderung: Präsentismus führt zu Erschöpfung, Erschöpfung zu weiteren Leistungseinbußen – ein sich selbst verstärkender Kreislauf.

  • Erhöhtes Herzkreislauf-Risiko: Studien der BAuA zeigen, dass Präsentismus bei einem schlechten Gesundheitszustand langfristig das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht.

  • Ansteckungsgefahr: Wer mit einer Infektionskrankheit auf der Arbeit erscheint, gefährdet die Gesundheit der Kollegen oder Kunden.

 

Wirtschaftliche Folgen und Kosten für Unternehmen

Betriebswirtschaftlich gilt: Die Kosten durch Präsentismus sind mindestens so hoch wie die durch krankheitsbedingte Fehlzeiten – vielfach übersteigen sie diese sogar. Präsentismus verursachte beispielsweise laut Statista im Jahr 2009 pro Beschäftigtem in Deutschland durchschnittlich 2.399 € Kosten – und damit fast doppelt so viel wie Absentismus (1.199 €).

Denn wer krank arbeitet, arbeitet langsamer, fehleranfälliger und mit eingeschränkter Urteilsfähigkeit. Noch aufschlussreicher ist der Blick auf einzelne Krankheitsbilder. Bei nahezu allen erfassten Erkrankungen ist der Produktivitätsverlust durch Präsentismus gemäß Statista deutlich höher als durch Absentismus.

Besonders auffällig:

  • Migräne & Kopfschmerzen: 20,5 % Produktivitätsverlust durch Präsentismus – der höchste Wert aller erfassten Erkrankungen. Wer mit Migräne am Schreibtisch sitzt, leistet im Durchschnitt nur einen Bruchteil seiner normalen Kapazität.

  • Atemwegserkrankungen: 17,2 % – häufig unterschätzt, weil Betroffene vermeintlich „nur erkältet“ sind.

Die übergreifende Erkenntnis: Im Durchschnitt erzeugt Präsentismus einen Produktivitätsverlust von 12 % – gegenüber 4,3 % durch Absentismus. Krank zu arbeiten, kostet Unternehmen damit fast dreimal so viel wie Fehlzeiten.

 

Was sind Maßnahmen gegen Präsentismus?

Präsentismus zu verhindern und ihm vorzubeugen erfordert ein Zusammenspiel aus Unternehmenskultur, strukturellen Anpassungen und konkreten Gesundheitsmaßnahmen.

 

Gesunde Unternehmenskultur und Führungsverhalten vorleben

Eine wirksame Prävention von Präsentismus ist eine wertschätzende, sichere und gesunde Unternehmenskultur.

Konkret bedeutet das:

  1. Führungskräfte als Vorbilder: Wenn Vorgesetzte selbst krank weiterarbeiten, vermitteln sie implizit, dass das erwartet wird. Das Gegenteil muss aktiv vorgelebt werden.
  2. Klar kommunizieren: Unternehmen sollten verbindlich und sichtbar vermitteln, dass niemand bei Krankheit zur Arbeit erwartet wird.
  3. Wertschätzung statt Kontrolle: Beschäftigte, die sich gesehen und anerkannt fühlen, müssen sich nicht durch Anwesenheit beweisen.
  4. Unterstützung durch Vorgesetzte: Die BAuA-Daten zeigen, dass Beschäftigte, die häufig Unterstützung durch ihre Führungskraft erfahren, signifikant weniger Präsentismustage aufweisen (5,4 vs. 7,1 Tage). 



Arbeitsorganisation und Strukturen anpassen

  1. Vertretungsregelungen: Keine Vertretung im Abwesenheitsfall zu haben, ist ein Präsentismus-Treiber. Klare Vertretungspläne nehmen diesen Druck.
  2. Realistische Arbeitsplanung: Dauerhafter Termindruck und zu enge Ressourcenplanung begünstigen Präsentismus strukturell.
  3. Flexible Arbeitszeitmodelle: Echte Flexibilität ermöglicht Erholung, z. B. durch Gleitarbeitszeit.

 

Betriebliches Gesundheitsmanagement etablieren

Eine betriebliche Gesundheitsförderung und gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen tragen langfristig zur Prävention von Erkrankungen bei.

Konkrete Maßnahmen umfassen:

  • Gesundheitsbonus für präventive Leistungen und Eigenverantwortung
  • Erholungsbeihilfe als steuerfreier Zuschuss für Urlaubs- und Erholungsaufenthalte
  • Firmenfitness zur Förderung körperlicher Gesundheit und Stressabbau
  • Zertifizierte Präventionskurse nach § 20 SGB V (z. B. Rückengesundheit, Stressbewältigung, Achtsamkeit)
  • Betriebsärztliche Begleitung und niedrigschwellige Anlaufstellen für besondere Belastungen

 

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FAQ

Was ist der Unterschied zwischen Absentismus und Präsentismus?

Beim Absentismus bleiben Beschäftigte der Arbeit fern, obwohl sie arbeitsfähig wären. Beim Präsentismus ist es umgekehrt: Mitarbeiter erscheinen trotz Krankheit zur Arbeit. Beide Phänomene verursachen wirtschaftliche Kosten – Präsentismus gilt dabei häufig als der teurere der beiden, weil er für Unternehmen schwerer erkennbar ist.

Warum geht man krank zur Arbeit?

Die Gründe sind vielfältig: Pflichtbewusstsein, Angst vor beruflichen Nachteilen, fehlende Vertretungsregelungen, Termindruck oder eine Unternehmenskultur, die Anwesenheit mit Leistungsbereitschaft gleichsetzt. Besonders bei jüngeren Beschäftigten und in Branchen mit hoher Arbeitsverdichtung – wie der Pflege – ist das Phänomen besonders ausgeprägt.

Was kostet Präsentismus

Laut Auswertungen des Statistischen Bundesamts und des BMAS verursachte Präsentismus im Schnitt fast doppelt so hohe Kosten pro Mitarbeiter und Jahr wie Absentismus. Hinzu kommen schwer messbare Folgekosten: Langzeiterkrankungen, Folgefehler, sinkende Teamproduktivität und angesteckte Kollegen.

Wie hoch sind die Kosten für Präsentismus in der Pflege?

In einer bundesweiten Befragung unter Leitungskräften in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern gaben 36 % an, in den vergangenen 12 Monaten krank zur Arbeit gegangen zu sein, 23 % taten dies sogar trotz ausdrücklichen ärztlichen Abratens. Als Hauptgründe nannten die Befragten:

  • Pflichtbewusstsein/Verantwortungsgefühl/Vorbildfunktion (44 %)
  • Personalmangel (23 %)
  • hohe Arbeitsbelastung (16 %)

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